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Paul Meersmann: Zirkus
Reinhard Düßel

Einbrechendes Hoffnungsbild. Gedanken zu Paul Mersmanns Zirkus
I
Umgedreht

Im Hintergrund, wie auf einer Bühne, oder tatsächlich auf einer solchen, deren Oberfläche dann das Meer wäre, eine gebirgige Insel. Dahin schauen wir zuerst und beließen es gern dabei. Ein Bleiben dahinten ist aber nicht vergönnt. Vom Horizont her quillt eine Wolken- und Nebelwand auf die Insel zu, hat sie in Ausläufern schon ergriffen. Bald wird man nur noch das Gequell sehen. Die Insel ist als Verschwindendes gemalt, nicht als Bleibendes, von dem man sich, um ins Davor zu geraten, eigens erst abwenden müsste. Auch anderweitig verschwindet sie. Bewegt man sich, von dem einzigen Stück Grün ganz rechts her, am Steilufer entlang zur Mitte hin, vorbei an den beiden Strömen, die dort vom Gebirge fließen, so gelangt man auf Meeresebene zu einem Höhlenpaar. Das aber, mit dem hellen Flecken darüber, kippt um in einen Totenschädel. Auch dabei bleibt es nicht. Aus dem Vorgebirge links werden Insektenaugen, die Bergrücken animalisch. Die Insel ist ein im Wasser treibendes Insektentier geworden. Alles dauert nur einen Augenblick, kippt sogleich wieder zurück, kehrt aber immer wieder. Die Insel hat aufgehört, nur Insel zu sein. Wir müssen hinab von der Bühne ins Davor.

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Eine bärenartige Gestalt radelt dort. Rechts daneben rudert eine Kindergestalt mit Vogelkopf. Links vom Radler tanzt Shiva mit spitzer Nase, noch weiter links ist der Kopf des Bären noch einmal, abgehauen und ausgestellt wie auf einem Sockel. Sie alle wollen, auch der abgehauene Kopf noch, dem freilich, stecken geblieben und ausgestellt für immer, nur der verhangene Blick bleibt, aus dem Bild hinaus. Zurück zur Inselszene schaut niemand.
Sie sind, wohin diese einbricht. Der Bühnenrand im rechten Drittel könnte auch eine Steilwand sein, denen auf der Insel ähnlich. Erste Kaskaden stürzen in ein Tiefland hinab, das sich gerade am Rande des Meeres aufgetan hat. Noch ist der Boden aber trocken. Zwei knochenartige Säulen stehen da, oder säulenartige Knochen, eine direkt an der Steilwand, die andere gerade weit genug entfernt, um mit der ersten zusammen den Wildschweinkopf festzuhalten. Blutspuren an den Seiten, die zur Bildmitte gewandt sind, kündigen an, dass es mit dem Kopfabhauen bald weitergehen wird. Von einer metallischen Stele her, die auch eine freistehende Tür sein könnte, ragt ein Spieß über den Wildschweinkopf hinweg, darauf ein Zahnrad, in das ein anderes greift, getrieben von einer der Kaskaden, so dass der Spieß zum Drillbohrer wird. Wäre das Bild nicht eingebrochen, hätte man an der Stelle, die zum Boden der Knochensäulen geworden ist, mit einem Pavillon, einem Tempel oder wenigstens der Ruine eines solchen zu rechnen, auf einer Anhöhe am Ufer vielleicht. Das Einbrechen des Bildes ist hier das Absinken eines Stücks Arkadien in ein Schlachthausartiges.

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Der Uferlandschaft, die zur Mitte hin war, erging es beim Einbrechen weniger desaströs als ihrer arkadischen Entsprechung. Sie wurde lediglich abstrakt. Solange die Kulissen halten, wird man damit leben können und dann, hoffentlich, längst über alle Berge sein. Weiter nach links hin, zuerst noch Rhythmus und Struktur der Kulissenlandschaft repetierend, wird die nicht eingebrochene Uferlandschaft dennoch versucht: Auf einem Hügelrücken drei Bäume, am Bildrand organisch Quellendes, der Farbe nach die Insellandschaft variierend, zur Bildecke hin der Fuß eines Berges, gedacht wohl, um mit dem Gipfel in Wolken zu stoßen. Stattdessen wird er von einer Knochenkugel zerquetscht. Ein Stück Uferlandschaft bleibt das alles doch, einbrechend vielleicht, nicht aber, wie an den anderen Stellen, schon eingebrochen. Damit gibt es zwei Wege in das Eingebrochene hinab, einen von der Uferlandschaft her über die abstrahierte Landschaft, einen über die Kaskaden. Beide enden mit dem Knochentempel.
Der Kugel, die den Gipfel zerquetscht, entspricht eine von gleicher Größe weit unten. Beide zusammen bilden mit der Stele am rechten Bildrand ein gleichseitiges Dreieck. Eingeschrieben in dessen Spitze ist ein zweites, der Grundriss eben des Knochentempels. Das eingesunkene Arkadien hat sich in zwei Schüben zum knochigen Bezirk und Raum erweitert. Zum ersten kommt es an dem Punkt, in dem die beiden Linien des Einbrechens zusammenstoßen. Da ist zunächst nur das absinkende Arkadien, unentschieden noch, was werden soll, wenn aus den Kaskaden die Flut wird. Auf dieses stößt die zweite Linie des Einbrechens, die Verwandlung der Uferlandschaft ins Kulissenhafte. Der Zusammenstoß verwandelt das absinkende Arkadien in den Knochentempel. Mit dem zweiten greift das Schlachthausartige über die Welt des Eingebrochenen aus. Dafür steht der aus der Spitze des Dreiecks hervorschießende Spieß. Er durchbohrt die Kulisse, so dass es mit jedem nur halb Eingebrochenen vorbei ist. Für das Ausgreifen stehen aber vor allem die so weit wie nur möglich, bis zu den entferntesten Bildenden hin, ausgespienen Knochenkugeln. Der Bildraum, so wie er sich bisher gezeigt hat, ist wenigstens dreigeteilt. Zunächst sind da die einbrechende Inselszene und das Eingebrochene davor. Das Einbrechen erzeugt mit dem Schlachthausartigen einen dritten Raum, der einen Teil des Eingebrochenen und auch die zweite Linie des Einbrechens überlagert. Nimmt man es differenzierter, so müsste man im Eingebrochenen zwischen der Region unterscheiden, die sich im Schlachthausartigen befindet und der anderen, die von diesem nicht umgriffen wird. Der Radfahrer hat die Außenlinie überschritten, wenn auch auf sandigem Boden.

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Näher betrachtet und dann besser zum Schlachthaus passend, wird aus dem spitznasigen Shiva ein Körper- und Leiberknäuel. Die Beine zum Radler hin gehören einem, der sich davonstehlen will, ein drittes nähert sich mit der Fußspitze neckend der Knochenkugel, das vierte muss von einer der Hände, zu welchem Zweck auch immer, gehoben werden. So bleibt diesem Knäuelshiva nur eine Hand für seine kosmischen Aufgaben. Sein Feuerkreis ist ihm ohnehin genommen. Stattdessen ist er, finster beobachtet vom Wildschweinkopf und hinter dem Rücken des Radlers vorbei von Drillbohrer dirigiert, ins Schlachthaus gebannt. Der Kreislauf von Schöpfung, Verfall und Wiedergeburt, den er zu tanzen hätte, ist erstarrt. So tanzt er das Schlachthaus, versucht es jedenfalls, die Augen weit offen, extatisch, beschwörend, ganz der Knochenkugel, die hier nur Weltkugel sein kann, zugewandt. Beschwörend, zugleich aber ratlos nachzappelnd, ist auch die Geste des einen freien Arms. Der Oberkörper, an dem er hängt, mit dem eingezogenen Kopf darauf, lugt gerade noch aus dem fleischigen Knäuel heraus. So betrachtet, wird sein Blick zu dem eines Erstaunens darüber, dass sich, aller Extase und auch der ins Spiel gebrachten Großmaschinerie des Neckens, Tanzens und Beschwörens zum Trotz, nichts bewegt und alles bleibt wie es geworden ist.
Die anderen Figuren sind Aspekte, zu denen er es, nach dem Einbrechen des kosmischen Kreislaufs und darauf reagierend, bringen oder auch nicht bringen kann. Ein abgehauener Kopf hat kein Innen. Der Aspekt des Meditierens ist dem Knäuelshiva verschlossen. Der Shivarest im Knäuel selber, sich der Welt ganz zuwendend, wird vom Knäuel verschlungen. So bleibt ihm nur das Hinwenden schlechthin, ohne Entsprechung zum Feuerkreis, ohne ein vorausgesetztes und durch ihn, Shiva, vertretenes Ganzes. Shiva windet sich aber doch aus dem Knäuel heraus und fängt ganz neu an. Bärenartig geworden, setzt er sich aufs Rad, befindet sich damit schon außerhalb des Schlachtbezirks, und fährt los. Nimmt man den Radler als Zentralfigur, so ist der Knäuelshiva dessen Vergangenheit und der abgehauene Kopf der des Radlers noch einmal, der es aber nur bis zur Grenzlinie gebracht hat. Shiva, der im Eingebrochenen doch Shiva bleiben und sein Shiva-Tun fortspinnen wollte, läge dort.

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Weltkugeln also sind es, nicht Knochenkugeln. Das absinkende Arkadien hat sie ausgespieen, fünf an der Zahl. Zwei markieren die Grundlinie des Schlachthausbezirks. Auf die obere, die den Berg zerquetscht, ist eine bohnenförmige Erhebung oder Vertiefung gesetzt, auf die untere, Irritationsobjekt des Knäuelshiva und seines meditierenden Aspekts, ein Gewässer. Die liegt, wie sie nicht liegen kann, doch als Weltkugel könnte sie auch schweben, auf einer zur Birne verformten Entsprechung. Hinter dieser, teilweise verdeckt, steht ein gefüllter Topf. Zwei Reptilientiere starren auf das Ensemble, das eine großäugig, das andere verschlagen, gierig aber beide. Sie könnten aus dem Leporello hinter ihnen gekommen sein. Der Blick des Menschenprofils dort schaut in die gleiche Richtung wie sie. Als Bild im Bild müsste er, um zu sehen, erst heraus ins Bild gelangen. Die Reptilientiere könnten dieser Blick sein, aus dem Bild ins Bild gesprungen.
Innerhalb des Schlachthauses, an Shivas neckender Wade, ist das Menschenprofil zum Schattenriss geworden. Vielleicht war es voreilig, Shivas verbliebene Schöpferkraft zu unterschätzen. Sollte die es, innerhalb des Schlachthauses, immerhin noch zum menschlichen Schattengebilde gebracht haben? Die Kugel kontemplierend, könnte das Schattengebilde sich dann so sehr mit Erscheinungsstoff vollgepumpt haben, dass es schließlich aus dem Schlachthaus hinauszuschweben vermochte. Draußen musste es freilich entdecken, dass es noch immer bloß Bild war. So müht es sich, die Weltkugel weiter kontemplierend, mehr zu werden.
Die Reptilientiere sehen allerdings nicht aus, als hätten sie gefunden, was sie suchen. Möglicherweise verleiht die Vorderseite der Kugel nicht, was die Rückseite, die man nur innerhalb des Schlachthauses sehen kann, zu geben vermag. So liefe denn das Abenteuer des Schattengebildes auf ein endloses Gefopptwerden hinaus. Der Schattenriss an Shivas neckender Wade wäre Anfang und Ende eines Kreises, der hinaus ins Leporello führt, von dort herausspringend zu den Reptilientieren und wieder zurück ins Schattenbild. Der Weg des Radlers, falls der hinfährt, wohin er blickt, führt zwischen dem Leporello und den Reptilientieren hindurch. Den herausspringenden Blick müsste er durchschneiden. Der foppende Kreislauf, mit dem Shivas Wade den Menschen gerade noch auszustatten vermochte, wäre unterbrochen.

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Ein Verweilen schon des ersten Blicks im Eingebrochenen gelingt nicht. Dem fügt sich dort nichts zusammen. Bei der Inselszene ist dies anders. Die fügt sich mit einem Schlage, so wie der erste Blick es braucht. Da sie als Verschwindendes gemalt ist, drängt sie ihn dorthin zurück, woher er kam. Herkommend von einem, das sich mit einem Schlage fügt, ist er nicht mehr der erste Blick. Rückblickend kann er vorwärts gehen, vom einen zum andern, um zu sehen, wie es sich fügt. Er ist nicht mehr darauf angewiesen, wie ehedem, als erster Blick, sich vom Gefügtsein dessen, was er sieht, zusammenhalten zu lassen. Er blickt, so kann man es nennen, diskursiv, entschlüsselt, was er sieht und was ihm widerfährt, im Nacheinander, geleitet von seinem Herkommen aus dem Rückblick. Was wird aber aus dem diskursiven Blick, da die Insel doch verschwindet? Noch wissen wir nicht, was da einbricht. Eine Inselszene bricht ein, genauer nun, was mit einem Schlage sich zusammenfügt, der Halte- und Einstiegspunkt des diskursiven Blicks. Wäre das also gemalt?
Wir benötigen, um hier weiterzukommen, eine Art Krücke für die nächsten Schritte. Dabei erlauben wir uns die Freiheit des Punktuellen. Krückenhaft hilfreich in diesem Sinne ist eine Stelle aus Rilkes Achter Elegie:
Wer hat uns also umgedreht, dass wir,
was wir auch tun, in jener Haltung sind
von einem, welcher fortgeht?
Idealiter machen wir Angefangenes fertig, bevor wir fortgehen, Neues fangen wir erst dort wieder an, wohin wir gehen wollen. Das Umgedrehtsein, von dem Rilke spricht, ist das zur Haltung gewordene Fortgehen. Wir gehen nicht fort, tun aber, was wir auch tun, alles also, in der Haltung eines Fortgehenden. Unserem Bleiben ist die ihm eigene, von der des Fortgehenden unterschiedene Haltung abhanden gekommen. Wir bleiben, sind, tun was wir tun, in der Haltung des Fortgehens, die alles sonst sich anverwandelt. Der Bestand an Angefangenem, das wir fertigmachen könnten, wird freilich rasch aufgebraucht sein. Auch der Wandel der Dinge, selbst dann, wenn er wenig dramatisch bleibt, und die Verschiedenheit der Lagen, in die wir geraten, werden uns das Anfangen nicht ersparen. Anfangen müssen wir also auch in der Haltung des Fortgehens, nicht aber Neues. Immer können wir stattdessen Angefangenes anders fortschreiben. Wir müssen hierzu nur die Ebene des Fertigmachens wechseln. Nahezu jedes Projekt ist mehr oder weniger eng einem größeren zugeordnet. Jedes Großprojekt bezieht sich, und sei es auch nur aus Marketinggründen, auf eine Vision. Es gibt viele Ebenen, auf denen man sich in ein Fertigmachen einklinken und von dort her dann beginnen kann, was begonnen werden muss, ohne damit und dabei Neues zu beginnen.
Zur Illustration könnte man an einen Angestellten denken, der den Arbeitsplan seines Zuständigkeitsbereichs für das nächste Quartal ausarbeitet. Zunächst wird er sich den für das abgelaufene Quartal vornehmen und abhaken, was geschafft wurde. Sodann wird er sich die mittelfristigen Vorgaben ansehen, mit denen er zu arbeiten hat, und das Erreichte mit diesen abgleichen. Drittens wird er die verfügbaren Ressourcen und andere Faktoren der Lage, so wie sie ist und innerhalb des relevanten Zeitraums mit einiger Wahrscheinlichkeit sein wird, mit diesen Vorgaben ins Verhältnis setzen. Auf dieser Grundlage entwirft er seinen Arbeitsplan. Dies wäre das Einklinken in eine höhere Ebene des Fertigmachens. Der Beginn, den er mit seinem Arbeitsplan macht, beginnt nichts Neues. Er beginnt lediglich damit, das auf der nächsten Ebene Vorgegebene ein Stück weiter fertig zu machen.

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Indem wir uns, gedrängt vom Wandel der Gegebenheiten, von Ebene zu Ebene hinauf auf die Suche nach einem der Ausgestaltung bedürftigen, dennoch aber bestehenden Zukunftsbild machen, das es uns erlaubt, anzuhalten und sodann, von ihm zurückkehrend, dessen Vorgaben zu exekutieren, klinken wir uns aus der Zukunft aus. Die Zukunftsbilder, an denen wir uns orientieren, sind keine Hoffnungsbilder mehr. Dies nämlich sind sie nur, solange sie auf zweifache Weise transparent sind. Die erste Form wurde eben beschrieben. Zukunftsbilder sind transparent auf solche höheren Ebenen der Abstraktion oder Allgemeinheit hin, die sie auf jeweils bestimmte Weise ausgestalten. Hoffnungsbilder sind darüber hinaus auch auf die Möglichkeit der Umformung oder Neugestaltung der nächsten Ebenen hin transparent. Sie halten immer zwei Wege offen, zwischen denen wir uns entscheiden müssen. Wir können uns in ein Fertigmachen der nächsten Ebene einklinken. Wir können aber auch das Zukunftsbild der nächsten Ebene umformen oder neu formen und dann jenes, nicht das bereits gegebene, auf die gewandelten Gegebenheiten hin ausgestalten.
Auf die jeweils nächste Ebene beschränken müssen wir uns dabei nicht. Umformend und neu gestaltend können wir uns bis in die Höhen begeben, die wir für angemessen halten und in die wir uns wagen. Je weiter hinauf wir uns begeben, desto weitreichender und drastischer wird das Neue sein, das wir, das umgestaltete Zukunftsbild der höheren Ebene dann nach rückwärts zu einem ausgestaltend, an dem wir uns zu orientieren vermögen, beginnen.
Gefordert wird die zweite Form der Transparenz von der Unabgeschlossenheit im Wandel der Gegebenheiten. Diese ist prinzipieller Natur. Sie überholt jede Festschreibung dessen, was real möglich oder auch unmöglich ist. Eine heute undenkbare Bedingung für etwas, das man gerne hätte, oder aber fürchtet, kann morgen gegeben sein. Ebenso kann, von einem Augenblick zum nächsten, etwas gegeben sein, das man nicht vermisst hat, weil man an die Möglichkeiten, die es eröffnet, nicht zu denken vermochte. Fehlt die zweite Form der Transparenz, so kann es freilich passieren, dass man diese auch dann nicht sieht, wenn sie da ist. Auch die Ausgestaltung eines Zukunftsbildes der höheren Ebene auf gewandelte Verhältnisse hin kann zwar den Blick für Möglichkeiten öffnen, die sich aus Unerwartetem ergeben, fehlt die zweite Form der Transparenz aber gänzlich und beständig, so eben, wie bei den Umgedrehten, die wir nach Rilke sind, so werden wir zunehmend möglichkeitsblind. Zunehmend mehr sammelt sich dann um uns herum an, und auch in uns, das nichts mehr eröffnet, sondern nur noch verstellt. Zugleich rasen wir hinauf zu Zukunftsbildern immer höherer Abstraktion.

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Dr. Max Aue, Hauptfigur und Ich-Erzähler von Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten, nimmt eine Abendeinladung bei Familie Eichmann wahr. (Berlin 2007, S. 787ff ) Noch vor dem Abendessen gibt es Hausmusik. Man spielt Brahms. Bei Tisch kommt man auf Kant. Eichmann, er lese gerade die Kritik der praktischen Vernunft, wünscht Klärung. Der Gast nimmt ihm die Formulierung der Frage ab. Er verstehe, so Aue, es gehe um die Frage, ob »unsere Arbeit«, man ist mit der Endlösung befasst, mit dem kategorischen Imperativ in Einklang stehe. Eichmann beruft sich auf einen Freund. Der sei der Ansicht, in Kriegszeiten, auf Grund der Ausnahmesituation, in der man sich damit befinde, sei der kategorische Imperativ außer Kraft gesetzt. Man wolle natürlich nicht, dass der Feind einem das auch zufüge, was man ihm zufügt, weshalb, »was wir tun«, nicht Grundlage eines allgemeinen Rechts werden könne. Er, Eichmann, könne dem aber nicht zustimmen. Dann stottert er etwas von Pflichterfüllung, der Befolgung höherer Befehle und der Notwendigkeit, Befehle positiv zu leben. (791f.) Aue ist behilflich. Letzte Begründung des positiven Rechts in einem nationalsozialistischen Staat sei der Wille des Führers. Führerworte hätten Gesetzeskraft. Der Führer könne sich aber nicht um alles kümmern, weshalb auch andere in seinem Namen handeln und Gesetze erlassen müssten. Dieser Gedanke erstrecke sich im Prinzip auf das ganze Volk. Aus diesem Grund habe Dr. Frank in seiner Abhandlung über das Verfassungsrecht die Definition des Führerprinzips erweitert. Aue zitiert: »Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde.« Zwischen diesem Prinzip und dem kategorischen Imperativ gebe es keinen Widerspruch. (792)
Der Wille des Führers zeichnet, dargelegt zunächst in Führerworten, ein Zukunftsbild. Zum Wesen dieses Bildes gehört die Abdichtung jeder verbliebenen Ritze im Sinne der zweiten Form von Transparenz. Auf Grund der Fülle und Vielfalt der Angelegenheiten, die zu bewältigen sind, bleibt nur die Verschiebung dieses Zukunftsbildes immer weiter ins Abstrakte hinauf. So wird der Führerwille Prinzip. Als solches, Aue betont dies ausdrücklich, sei er zu behandeln. Wer den Befehlen wie ein Automat gehorche, ohne sie kritisch auf ihre innere Notwendigkeit zu überprüfen, handle nicht im Sinne des Führers, meistens werde er sich von dessen Willen entfernen. Höher hinauf ins Abstrakte, bei gleichzeitigem Gebanntsein in ein Bild, geht es nicht. Aue spricht von schmerzlichen Aufgaben, in die man sich pflichtgemäß schicken, von Gefühlen, die man, aus Gründen der Pflicht wiederum, im Zaum halten müsse, von entschlossener, alles Widerstrebende wegstreichender Pflichterfüllung im Sinne des genannten Prinzips also. (793)
Das so Weggestrichene wird im Roman ausführlich geschildert, ebenso das Wegstreichen in seinen unterschiedlichsten Varianten. Im Grunde ist dies das Thema des Romans, das Zurechtkommen damit wohl eine der Definitionen von Wohlgesinntheit, so wie der Titel den Ausdruck versteht. Wohlgesinntheit wäre dann eine der Ausgestaltungen und Zuspitzungen des genannten Umgedrehtseins, zu denen es im letzten Jahrhundert kam, die düsterste sicherlich von allen.

II
Schwimmen

Zunächst ist da nur ein ruheloses Hinweggleiten über disparate Elemente oder diffuse, kurzatmige Praxis, die im zweiten Schritt umpflügt, was sie im ersten vorbereitet, und im dritten dann entdeckt, dass es anders doch besser gewesen wäre. All dies muss, soll es zum diskursiven Blick werden, auf etwas stoßen, in dem es zum Stehen kommt, ohne dabei festgebannt zu werden. In Mersmanns Zirkus erfüllt diese Funktion die Inselszene. Sie hält unseren Blick fest und schiebt ihn zugleich von sich weg. Die Inselszene kommt aber wenigstens doppelt vor. Sie ist nicht nur Verschwindendes. Sie ist auch Einbrechendes. Die zweite Markierung nennt den Gegenstand, mit dem Mersmann sich in diesem Werk bildnerisch auseinandersetzt.

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Wo denn sollte sein und woher kommen, worauf unser diffuses Hinweggleiten und Umherhandeln stoßen muss, um diskursiv zu werden? Einfach so von draußen her in den Weg treten kann es nicht. Die Stelle ist besetzt, man kann auch sagen, sie sei verhext. Was immer von draußen her vor es hintritt, wird, indem es diese Stelle einnimmt, Instanz des Hinweggleitens und diffusen Umherhandelns. Muss dieses, um sich selber zu enthexen, und damit auch diese Stelle, auf etwas stoßen, so wird es jedenfalls nicht in dieser sein können. Es gibt aber draußen keine andere. So wird also, worauf es stoßen muss, in ihm selber aufsteigen müssen. Wo aber in ihm? Hat es denn einen Innenraum? Der muss sich erst bilden. Dies kündigt sich auf unterschiedliche Weise an, nicht selten in der Form einer bis dahin unvertrauten, eher wenig angenehmen Stimmung. Die steigert sich und taucht das Hinweggleiten und Umherhandeln in ihr immergleiches Licht. Damit ist etwas an ihm, das vorher nicht an ihm war. Vorher war es immer wieder mit Verschiedenem befasst, das sogleich entglitt oder verdrängt und durch anderes ersetzt wurde. Dazwischen war nur das Entgleiten oder Verdrängtwerden, nichts sonst, das vom Einen zum Nächsten gereicht hätte. Jetzt ist an allem dieses Immergleiche, am je Gegenwärtigen etwas, das am Vorherigen schon war und am Nachfolgenden auch sein wird. Das Gegenwärtige verweist nach rückwärts und in die Zukunft. Es steht in einem Erinnerungsraum, der sich in einen Erwartungsraum umstülpt.
Mit einem Schlage verklang das Gegenwärtige auch vorher nicht. Das Nachklingen reichte aber nicht bis zum Nächsten. Alles hängt an der Verstärkung und Ausdehnung dieses Nachklingens. Der kritische Punkt ist erreicht, wenn das Nachklingen das Nächste im Augenblick seines Einsetzens wenigstens überlagert. Diese Überlagerung gehört dann zum Nächsten und klingt in dessen Nachklingen mit nach. Setzt dies sich fort, so kommt es zu einer Aufstaffelung von Überlagerungen. In der Minimalvariante liegen diese übereinander wie Photos mit weißen Rändern, die man so hingelegt hat, dass jedes den weißen Rand des nächsten überlagert. Im Nacheinander wird der weiße Rand, der zwar immer wieder ein anderer ist, aber doch immer das Gleiche, zur verknüpfenden Konstante. Jede Instanz des Hinweggleitens und Umherhandelns ist anders, bei keiner aber ist ein Halten. Dies ist der immergleiche weiße Rand, der in der Aufstaffelung der Überlagerungen als das immer Wiederkehrende erinnert wird. Erinnert als das immer Wiederkehrende ist er auch das immer Erwartete. Der Erinnerungsraum hat sich in einen Erwartungsraum umgestülpt. Das je und je Gegenwärtige betritt ihn am Punkt dieser Umstülpung.

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Man kann auch sagen, wir seien bemüht, an diesem Punkt aus ihm hinauszutreten. Die genannte Stimmung hat mit dieser Mühe wohl einiges zu tun, oder mit dem Grund, weshalb wir diese auf uns nehmen. Die beschriebene Minimalvariante des Erinnerungsraums nämlich erzeugt, indem sie in einen Erwartungsraum umschlägt, ein Rauschen, in dem alles Zukünftige schon untergegangen ist. Was immer geschieht, es wird sich an ihm wiederum zeigen, dass kein Halten ist. Zu erwarten haben wir immer wieder nur Beispiele dieses Einen, mithin nichts. Dabei kann es bleiben. Wir können eine Weltanschauung und Philosophie darauf aufbauen. Wir können aber auch versuchen, das Nachklingen weiter auszudehnen, so dass sich die Zone der Überlagerung über die weißen Ränder hinaus verbreitert. In diesem verbreiterten Bereich wird es zunächst verschwommen zugehen, was aber schon mehr ist als immer nur das Weiße. Allmählich gelingt dann eine Art Durchsicht. Haben wir es damit zu einem bestimmten Grad der Tiefe und auch der Beweglichkeit gebracht, so zeichnet sich, nicht unbedingt stabil, aber doch sichtbar, ein Gefüge von Konstanten und Variablen ab. Das Weiße, oder eben, dass kein Halten sei, hat sich differenziert, ist weitgehend zu einer Frage der Tiefenlage unserer Durchsicht geworden. Nahezu alles um uns herum, Konstellationen und Interaktionsmuster eingeschlossen, reicht ein Stückweit hinab in diese Tiefe. Einen Ruck schon unter der Oberfläche der Gegenwart zeigt es sich allerdings anders, als es je und je jetzt ist, und dies immer so weiter, mit unterschiedlich rasch zunehmender Drastik. Tiefer hinab war dann mehr und mehr noch nicht. Anderes, das sich seither aber verlor, war noch.
Indem wir so hinabgleiten, oder auch hin und her zwischen verschiedenen Tiefenlagen des Erinnerns, wird aus der Stimmung, die uns zu all dem drängte, etwas anderes. Wir befinden uns nicht mehr nur in einer. An unterschiedlichen Tiefenlagen des Erinnerns hängt jeweils eine andere, so dass wir uns beim Umhergleiten, hinab oder hin und her, jeweils in unterschiedlichen Stimmungen befinden, in keiner aber so wie davor in der einen. Wir befinden uns drinnen und auch draußen, so dass wir von keiner ganz vereinnahmt werden. Da ist etwas in jeder Tiefenlage des Erinnerns, das uns in die betreffende Stimmung versetzt. Bewegen wir uns weiter zu einer anderen Tiefenlage, so wird daraus etwas anderes, das uns aus der einen dann löst und in eine andere hineindrängt. Vielleicht ist Stimmung hier nicht mehr der richtige Ausdruck. Versetzt uns etwas in eine Stimmung, die uns nicht ganz zu vereinnahmen vermag, so ist dies schon eine Art Urteil. Hin und her gleitend zwischen verschiedenen Erinnerungslagen, urteilen wir, dies aber so, dass wir unser Urteilen eher wahrnehmen als es zu vollziehen.

3

Sprechen wir, der terminologischen Bequemlichkeit wegen, von referentiellen Stimmungen. Es handelt sich dabei jedenfalls um ein Spektrum mit einem positiven und einem negativen Extrempunkt. Zum positiven Extrempunkt hin könnte man von allen nur erdenklichen Varianten der Freude und der Zufriedenheit reden, zum negativen hin vom Gegenteil, wobei sich in zunehmender Intensität etwas beimischt, das Wehmut sein kann, auch Trauer, oder eine der vielen Varianten, in denen wir uns der Verzweiflung nähern. So also, irgendwo lokalisiert in diesem Spektrum, urteilen wir mit unseren referentiellen Gestimmtheiten. Worüber aber urteilen wir da? Referentiell in einem proto-ausdrücklichen Sinne werden unsere Gestimmtheiten erst dann, wenn wir im Hin und Her zwischen den Tiefenlagen des Erinnerns einen gewissen Grad an Erfahrung erreicht haben. Mit der zunehmenden Sättigung dieser Erfahrung zeichnet sich als Konstante eigener Art unsere Betroffenheit durch jede dieser Lagen ab. Erst jetzt tauchen wir inmitten einer jeden auf als betroffen von allem, was da war. Erst jetzt werden die Tiefenlagen des Erinnerns, zwischen denen wir uns hin und her bewegen, zu den erinnerten Lagen, die einst die unsrigen waren.
Jede bleibt dabei bis zu einer gewissen Tiefe hin nach rückwärts hin transparent. An jede Lage, die einst die unsrige war, erinnern wir uns vor dem Hintergrund derer, aus der sie wurde. Darauf kommt es hier an. Die Erfahrungen, die wir im Hin und her zwischen den Tiefenlagen des Erinnerns machen, stärken unseren Sinn für Möglicheiten, die nicht ergriffen wurden. Indem wir, erfahrungsgesättigt, die Lagen, die einst die unsrigen waren, vor dem Hintergrund derer erinnern, aus denen sie wurden, erinnern wir sie auch vor dem Hintergrund anderer, die statt ihrer hätten werden können, wenn wir andere Möglichkeiten ergriffen hätten.
Wir erinnern damit aber noch mehr. Die Redensart, nach der wir im Nachhinein immer klüger seien, verweist darauf, sofern wir sie nur wörtlich lesen. Klug nämlich waren wir je und je vorher schon. Unser Blick für Möglichkeiten, die zu ergreifen sind, war wohlgeübt. Wir befanden uns nicht mehr in der Phase diffusen Umherhandelns. Wir wollten auf etwas hinaus. Die rückwärtige Transparenz unseres Erinnerns durch mehr als nur eine Tiefenlage hindurch sagt uns auch, je nach Gesättigtheit unserer Erfahrung mehr oder weniger deutlich, worauf wir hinauswollten. Sie zeigt uns das Zukunftsbild, von dem unser Blick für Möglichkeiten, ausdrücklich oder nicht, geleitet war. Die Lage, so wie sie dann geworden ist, mag sich dem durchaus zufriedenstellend annähern. Im Nachhinein aber sehen wir, dass es Möglichkeiten gab, die uns, hätten wir sie nur gesehen, nahegelegt hätten, Besseres zu wollen. Referentielle Gestimmtheiten beurteilen die so wahrgenommene Differenz. Die kann sehr unterschiedlicher Natur sein. Die Spannweite und Tiefe des Spektrums referentieller Gestimmtheiten, an jedem im Prinzip unendlich weiter differenzierbar, haben darin ihren Grund.

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Besagt die genannte Redensart vielleicht noch mehr? Sie sagt immer das Gleiche, aber sie zeigt, abhängig davon, wie wir sie gebrauchen, Unterschiedliches. Wieder mag man sich mit der Vorstellung eines Spektrums behelfen. Der negative Extrempunkt wäre ein wiederkehrendes Achselzucken. So sei das eben, im ganzen Leben seien wir blind und am Ende nicht weniger. Wir überspringen die Mitte. Es gibt so recht keine Sprache dafür. Vorstellen aber können wir uns, mit dem Achselzucken nicht zufrieden zu sein. Anderes, darauf könnten wir bestehen, sei möglich. Zwar sei man gemeinhin im Nachhinein klüger, dabei müsse es aber nicht bleiben. Geben wir bei diesem Insistieren jegliche Zögerlichkeit auf, so haben wir den positiven Extrempunkt erreicht. Je und je jetzt, nicht mehr erst im Nachhinein, wollen wir so klug sein, wie man zu sein vermag.
Von Blindheit war bereits die Rede. Blind sind wir als Umgedrehte, möglichkeitsblind. Im Nachhinein sind wir klüger, weil wir dann Möglichkeiten sehen, die wir nicht sahen, als wir sie hätten ergreifen können. Als Umgedrehte sind wir möglichkeitsblind, weil wir, wie dargestellt, im Fertigmachen hängen bleiben. Wir mühen uns mit der Verwirklichung eines Zukunftsbilds, versäumen es aber, dieses durch Wiedergewinnung der zweiten Form von Transparenz zum Hoffnungsbild zu steigern.
Die Perspektive des Nachhinein zeigt uns, was wir je und je schon sähen, wenn uns diese Steigerung gelänge. Als Umgekehrte, so kann man es auch sagen, sind wir in einem reduzierten Verständnis dessen befangen, worum es bei der Verwirklichung eines Zukunftsbildes geht. Um die vollständige Durchgestaltung der Wirklichkeit nach den Vorgaben des Zukunftsbildes nämlich geht es dabei nicht. Zukunftsbilder verwirklichen sich vielmehr durch ihr Verschwinden, indem sie nämlich den Blick öffnen für das je und je Bestmögliche auch und gerade dann, wenn dieses sich nicht mit dem Bild deckt, das sie zeichnen. Wird mit dieser Zielstellung an der Verwirklichung eines Zukunftsbildes gearbeitet, so wird es nicht mehr als Zukunftsbild behandelt, sondern als Hoffnungsbild, zu dem es dann, wenn die Öffnung des Blicks gelingt, im Verschwinden wird. Kein Nachhinein wird die Klugheit eines solchen Augenblicks zu überbieten vermögen.

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Gemalt als Verschwindendes, ist die Inselszene in Mersmanns Zirkus Hoffnungsbild im beschriebenen Sinne. Weshalb aber malt er sie als Einbrechendes? Er malt eine Gabelung. Das Zukunftsbild steigert sich zum Hoffnungsbild und bricht, indem es Hoffnungsbild geworden ist, ein. Sollte etwas zur inneren Logik oder Dynamik von Hoffnungsbildern gehören, das in diese Gabelung treibt? Zu fragen wäre, um dies zu sehen, nach dem Scharnier, an dem die Dynamik hängt, und danach, was sie in Bewegung bringt und hält. Scharnier könnte nur etwas sein, das einerseits fix, andererseits unentschieden ist, so dass es bestimmt und ermöglicht, wie sich etwas dreht, ohne es selber zu drehen. So etwas gibt es im Gedanken des Hoffnungsbildes in der Tat. Gemeint ist der Begriff des Bestmöglichen oder einfach nur, woran dieser wiederum hängt, des Besten.
Stoßen wir auf diesen Begriff, so fragen wir sogleich weiter: Das Beste für wen, für uns und die Unsrigen, für andere, für alle, für das große Ganze, das Beste überhaupt? Die Hoffnung, irgendwann einmal so klug zu sein und dann gewesen zu sein, wie es überhaupt möglich ist und war, gerät ins Flattern. Gewiss, das Bestmögliche, welches auch andere, alle oder überhaupt alles einschließt, ist sicher ein besseres Bestes als jenes, das sich nur um uns und die Unsrigen kümmert. Gehört es aber, andererseits, nicht zu den menschlichen Elementarerfahrungen, dass man rasch zum Dummen werden kann, wenn man die Grenze zu weit oder überhaupt nicht zieht? Das Umgekehrte freilich gilt auch, obgleich dies erst heute zu einer allerseits zugänglichen Erfahrung wird. Sollte der Klimawandel die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen haben, von denen man redet, so wäre es für uns und die Unsrigen, wo immer und wer immer wir in den Jahrzehnten des fossilen Saus und Braus gewesen sind, in der Tat klüger gewesen, die Grenze weiter zu ziehen, denn die Unsrigen überall werden die Dummen sein, die all das auszulöffeln haben.
Bezeichnet ist damit nicht nur das Scharnier, sondern auch der Antrieb der gesuchten Dynamik von Hoffnungsbildern. Die Rede war von Erfahrungen. Werden Hoffnungsbilder durch Erfahrungen, die wir machen, oder vielleicht sogar durch eine bestimmte, näher fassbare Erfahrung in die genannte Gabelung hineingetrieben? Es müsste eine Erfahrung sein, die wir nicht lange suchen müssen, sondern, sobald wir überhaupt damit beginnen können, über diese Frage nachzudenken, immer schon gemacht haben.

6

Solange wir keine Erfahrungen gemacht haben, sind wir, wie man das nennt, naiv. Die genannten Unterscheidungen haben wir noch nicht gemacht. Das Bestmögliche, nach dem wir streben, schließt ebenso selbstverständlich uns und die Unsrigen ein wie es, andererseits, nichts und niemanden ausschließt. So sind wir dann erstaunt, wenn sich herausstellt, dass unser Bestes, und das der Unsrigen, mit dem anderer nicht immer zusammenpasst. Jeder stößt irgendwann einmal darauf, und in der Regel recht früh. In der Alltagswelt des fossilen Saus und Braus könnte es die Freude der Familie über den ›guten Preis‹ sein, den man beim Verkauf des ›alten‹ Autos an jemanden erzielen konnte, der nicht so genau hingeschaut hat. Ein Kinderkopf könnte dann fragen, ob auch der Käufer sich gefreut habe, und darüber, heranwachsend, immer wieder einmal nachsinnen. Herangewachsen und in die eine oder andere Rolle einrückend, in der man daran gemessen wird und auch sich selber daran misst, wie weit man das Wohl derer, für die man verantwortlich war und ist, erhalten und vorangebracht hat, wird man damit leben müssen, dass man eher selten allen und allem eine Freude machen kann. Etwas oder jemand bleibt so gut wie immer draußen.
So also hören wir auf, naiv zu sein, und machen, geleitet von unserer Sprache und den Traditionen, derer wir uns bedienen, Unterscheidungen. Die alte Frage, ob der Mensch gut oder böse sei, kann man als Frage nach der Intensität des Schmerzes reformulieren, zu dem es dabei kommt. Alleingelassen müssen wir uns nicht fühlen. Die Not, mit den genannten Erfahrungen zurechtzukommen, ist das schlechthin Universale, an dem Biographien gelingen oder sich auf vielfältige Weise verzerren. Entlastung brauchen wir vor allem da. Jene rätselhaften Entitäten, die wir Kulturen nennen, liefern denn nicht zuletzt, möglicherweise sogar zu allererst, Inventarien von Hilfsmitteln für den Umgang mit dieser Not. Nebenher erklärt dies, weshalb kulturelle Entwurzelung etwas meint, das zu schaffen macht. Der kulturell Entwurzelte steht mit der Not des Draußenlassens alleine da.
Die Gabelung, die Mersmann malt, betrifft etwas dazwischen. Wohlversorgt mit kulturellen Hilfsmitteln und diese kundig nutzend, kann der Schmerz beim Draußenlassen dennoch zurückkehren. Auf keine Methode der Anästhesie ist absoluter Verlass. Was hier freilich Ausnahme ist und was Regel, was Krise und was Normalfall, lässt sich schwerlich sagen. Vermutlich macht die Unterscheidung hier wenig Sinn. Kulturelle Hilfsmittel können es mit wohlgetesteten Betäubungsstoffen nicht aufnehmen. Dauer und Intensität ihrer Wirkungskraft bleiben unberechenbar. Dies ist der nicht tilgbare Bruchpunkt aller Hoffnungsbilder. Zu jedem gehört, im gelebten Begriff des Besten, auf dem es basiert, ein kulturell vorgegebenes Verfahren der An79 ästhesie, mit dessen Versagen schon deshalb jederzeit zu rechnen ist, weil uns der Wandel der Dinge immer in Situationen versetzen kann, für die es nicht eingerichtet ist. Hoffnungsbilder also, dies gehört zu ihrem Begriff, können einbrechen und tun es auch. Allerdings hatte das Kulturwesen homo sapiens mehrere Jahrtausende Zeit, um sich damit vertraut zu machen und auf Abhilfe zu sinnen. Zu den Hilfsmitteln, die kulturell bereitstehen, gehören auch solche, die sich anwenden lassen, wenn Hoffnungsbilder einbrechen. Sie können das Einbrechen weder aufhalten noch beheben, geben ihm aber Sprache und Form.

7

Längst also, so mag man all dies zusammenfassen, haben wir entdeckt, dass im Wasser das Bestmögliche zwar das Schwimmen ist, die Kraft unserer Arme allein, wie heroisch und findig auch immer, dabei aber nicht oder höchstens für kurze Zeit ausreicht. Wir können nicht umhin, uns abzustützen und dabei unters Wasser zu drücken.
Solange wir Kinder sind, erledigen dies andere für uns, erwachsen dann geworden, kommen wir selber nicht mehr darum herum. Entlastende Institutionen helfen uns, damit zurechtzukommen. Die haben Verfallszeiten, für jeden, der sie nutzt, letztendlich eine besondere. Ist die erreicht, bricht das Hoffnungsbild, von dem wir uns leiten lassen, ein. Das Zukunftsbild, aus dem es hervorging, öffnet weiterhin, verschwindend, unseren Blick für das je und je Bestmögliche, in diesem aber trifft uns nun sogleich, imaginiert oder wirklich, der Blick derer, die wir draußen lassen. Oft genug wohl kommt es dabei zur nicht mehr umkehrbaren Paralyse. Statistiken über Ränder unterschiedlicher Art sagen einiges darüber aus.

8

Jede Form der längeren Bindung, so heißt es, und gar die lebenslange etwa an ein Unternehmen, gehöre der Vergangenheit an. Der Erwerbsmensch der Zukunft, jeder für sich allein, mit anderen freilich, so wie es jeweils passend ist, immer wieder anders strategisch vernetzt, werkle auf einem globalen Markt. Dort suche er meistbietend loszuschlagen, was er zu bieten habe. Reformen im Bereich der Erziehung, der Bildung und der Studiengänge, ein Ende endlich mit allem Zopfigen machend, hätten Sorge dafür zu tragen, dass dort, auf dem globalen Markt also, jeder seine Chance bekomme. Die habe man mit Findigkeit und Kraft wahrzunehmen. So oder ähnlich kann man eines der Hoffnungsbilder beschreiben, mit dessen Einbrechen nun schon mehr als eine Generation zurechtkommen musste und muss. Hoffnungs80 bild nämlich, nicht nur Zukunftsbild, ist es in der Tat. Wer sich darauf einlässt und die entsprechende Bildungskarriere durchläuft, ist ausgezeichnet darauf vorbereitet, zu sehen, was Nutzen bringt, so dass das Bild, sich erfüllend, verschwindet. Der bilderlos frei auf die Nutzung aller Markchancen gerichtete Blick ist allerdings auf den Gegenblick, der so doch nicht schauen dürfte, da dort draußen, visionsgemäß, jeder seine Chance hatte, nicht vorbereitet.
Zu einem Innehalten bei der Nutzung der je persönlichen Marktchance kommt es dabei selten. Die könnte sonst vorübergehen. Das Insistieren darauf, jeder habe seine Chance gehabt, wird zum inneren Begleitgemurmel, gerade laut genug, um Defätistisches zu übertönen, das noch immer, dem Gegenblick antwortend, von irgendwo her aufsteigen will. Professionalisierung vollbringt dann zweierlei. Was da aufsteigt, wird schwächlicher und bleibt schließlich, eine Zeitlang wenigstens, ganz aus. Dies ist das Erste. Zweitens aber wird das Gemurmelte durch Wiederholung abgeschliffen zu einer Gruppierung von ein paar Vorstellungen nur, deren Evidenz als Verkörperung des Guten über jeden Zweifel erhaben ist. Wer denn könnte es nicht gut finden, den Erwerbsmenschen von allen Begrenzungen zu befreien und zum globalen Marktteilnehmer zu befähigen? Es entsteht ein formelhaftes Bild, eine bildhafte Formel. Hervorgegangen aus dem übertönenden Murmeln, hat sie in dem Sinne ein Übertönendes, als zu ihr die Überzeugung und damit auch Beruhigung gehört, das Wesentliche sei damit gesagt. So ist es glücklich gelungen, die Sprache vom Zugreifen auf die Chance, vom Draußenlassen und unters Wasser Drücken, abzuziehen. All das gibt es weiterhin auch, abgespalten aber von der Sprache, mit der wir uns über das Wesentliche verständigen.
Dies ist nur zum Preis einer ritualisierenden Schrumpfung des Wesentlichen zu haben, welches damit zum Zuschussbetrieb wird. Bestehen und existieren nämlich kann und wird der zum globalen Marktteilnehmer befähigte Erwerbsmensch nur, wenn er, wo immer sich die Möglichkeit bietet, jegliches Zögern sein lässt und zugreift. Die Befähigung dazu, damit auch das Draußenlassen und unters Wasser Drücken, können in seiner Wesensformel nicht vorkommen. Der Erwerbsmensch, so wie sie ihn malt, kann nur existieren, wenn er eine ungemalte, unausgesprochene, aus der Sprache für das Wesentliche ausgeschiedene, dafür aber höchst tätige Seite hat, die ihn ernährt.

III
Verdampfen

Ein Hoffnungsbild bricht ein, hier und heute, weil kulturell nichts bereitsteht, das hülfe, mit dem Gegenblick zurechtzukommen. Vielleicht ging alles ein wenig schnell. Der globale Markt, der dieses Zukunfts- und Hoffnungsbild bescherte, war plötzlich da. Zukunftsbilder, die mit ihm nichts anzufangen wissen, verdammen seither zur Hilflosigkeit. So kam es zum Paukenschlag. Die Geschichte der transformierenden Fort- und Umschreibung von Zukunftsbildern riss ab. Der globale Markt schuf ein Zukunftsbild, das nur an ihn selber anknüpft. Konkurrenz, die es ernst zu nehmen hätte, gab und gibt es nicht. So avancierte dieses eine schubartig zum dominierenden Hoffnungsbild. Nicht jeder mag es, niemand aber will ins Blaue hoffen oder die Seinigen zum Hoffen ins Blaue schicken. Der Gegenblick beim Zugreifen und Draußenlassen bleibt dennoch niemandem erspart. Wo aber sollte man anknüpfen, um mit der Wiederkehr des Schmerzes zurechtzukommen, wenn nur der globale Markt und das Bestehen auf diesem als Nichtblaues zählen? Wir haben es mit einem Hoffnungsbild zu tun, das alle kulturellen Ressourcen, die hier dienlich sein könnten, hinter sich gelassen hat. Die müssten erst entstehen, wobei nicht sicher ist, ob es sie überhaupt geben kann.

1

Um ein Zurechtkommen kann es, wenn ein Hoffnungsbild einbricht, nicht mehr gehen, nur darum, Sprache und Form zu finden. Tieferes wird da aktiviert. Das beschriebene Manöver der Sprach- und Wesensschrumpfung gehört dazu. Wir nennen es Arkadisierung, wobei die bukolische Traum- und Friedenslandschaft, der wir den Namen entlehnen, nicht als Ursprung gemeint ist, sondern als Variante, wenn auch als höchst illustrative.
Eine bukolische Landschaft entsteht, oder ihr Entsprechendes, wenn wir in der, in der wir leben, alles verdampfen, was ins Wasser drückt. Bukolische Schäfer sind denn auch keine, die ihre Schafe scheren, verkaufen, gar schlachten und verzehren. Sie hüten nur, müssten dabei freilich verhungern, wenn sie nicht, wo bukolische Landschaften wirklich sind, Besucher eines Parks wären, die sich nur intermittierend dort aufhalten und ansonsten anderswo dafür sorgen, dass etwas einkommt. Arkadisierung eines Hoffnungsbildes meint dieses Verdampfen.
Anders gewendet, eine Spur weniger wörtlich dann, kann man das Bukolische als das Produkt einer gänzlichen Entmischung von Licht und Dunkel ansehen. Der Gegenblick, auf den wir stoßen, wann immer ein Zukunftsbild sich erfüllt und zum Hoffnungsbild wird, ist eine Dunkelerfahrung, mit der wir zurechtkommen müssen. Gelingt dies, so kommt es zu einem Verblenden des Dunklen mit dem Hellen, zum farbigen Abglanz, von dem es heißt, er sei das Leben. Fehlt es an kulturellen Ressourcen, die dieses ermöglichen, so erstarrt die Sprache und Bilder vermögen wir nicht mehr zu fügen. Da es mit dem Reden und Bilderfügen weitergehen muss, wenden wir beides von der Dunkelerfahrung ab. Dabei nutzen wir eine kulturelle Ressource, die man wohl sehr früh schon erfunden hat. Sie mag so etwas wie eine Brückenressource sein, mit der man sich, solange die fürs Zurechtkommen fehlen, immer wieder für eine Weile behalf und noch immer behilft.

2

Zu lange darf diese Weile aber nicht dauern. Zwar können wir unsere Sprache und unser Bilderfügen, beides das Gleiche in unterschiedlicher Akzentuierung, weshalb wir die Ausdrücke, mit diesem Vorbehalt, synonym verwenden, von der Dunkelerfahrung abwenden, uns aber nicht. So bukolisch wir die Chancen und Freiheiten des globalen Marktes auch beschreiben, wir müssen uns durchsetzen. Bukolisch kommen wir da nicht weit. Sprach- und bilderlos vermögen wir aber auch nicht lange zu bleiben. Man kann auch sagen, unsere Sprache begnüge sich nicht mit dem, was wir ihr da zumuten. Sie wendet sich, auch wenn wir sie von der Dunkelerfahrung abgewandt halten, zu dieser zurück. Abgewandt bleibt sie dennoch. So fügt sich für die Dunkelerfahrung eine Sprache, die aus der Abwendung von dieser herkommt, nicht aber aus dem Bauch der Sprache. Das Manöver der Arkadisierung macht diesen für die Dunkelerfahrung steril.
Unsere Sprache also spinnt sich, indem wir sie von der Dunkelerfahrung abgewandt halten, auf zweierlei Weise fort. Sie wird bukolisch, das Hoffnungsbild, das sie zeichnet und ausmalt, wird arkadisiert. Hinzu kommt, Geburt ihrer Sterilität für die Dunkelerfahrung, eine Sondersprache. Als nicht aus dem Bauch Geborenes ist diese, und dann auch das von ihr Gezeichnete, das Monströse.
Mersmann malt und entwickelt diesen Augenblick. Die Inselszene ist als Verschwindendes gemalt, ihr Verschwinden jedoch zweifach. Sie wird umgriffen von heranrückenden Wolkenbänken und sie kippt um in ein insektenartiges Getier, das im Wasser treibt. Dieses Umkippen präludiert, sachte allerdings, denn die Insel kehrt immer auch wieder, das einbrechende Umkippen ins Monströse, zu dem es dann weiter vorne kommt. Freilich sind wir, mit diesem Umkippen, erst beim Knochentempel. Der Augenblick ist damit gemalt, noch nicht aber entwickelt.

3

Ein Stehenbleiben kann es, wenn es zum gedoppelten Fortspinnen der Sprache gekommen ist, nicht geben. Indem wir die Sprache des Monströsen sprechen oder das Monströse zeichnen, wollen wir damit auch schon ein Ende machen. Wir können uns darin nur vorübergehend einrichten. Es ist nicht einfach nur eine andere Sprache. Bilingual, das Bukolische und das Monströse mit gleicher Geläufigkeit und Vertrautheit beherrschend, können wir nicht werden. Wo dies so scheint, hat man das Monströse längst selber bukolisiert.
Ein Ende also wollen wir damit machen, ohne aber unsere Sprache erneut von der Dunkelerfahrung abzuwenden. Wir haben ja eben die Erfahrung gemacht, dass uns dies, der eigenartigen Fertilität des Sterilen wegen, erneut ins Monströse zurücktriebe. Damit bleibt nur die Option, an der Sprache des Monströsen zu arbeiten. Wir müssen versuchen, die Sprache für die Dunkelerfahrung so zu verwandeln, dass sie auf nachvollziehbare Weise an die des Bukolischen anschließt, diese damit zur Dunkelerfahrung hin erweitert und so das Monströse, auf nachvollziehbare Weise wiederum, zum Bukolischen ins Verhältnis setzt. Brüsk monströs wenigstens wäre dieses dann nicht mehr. Müssten wir hier lange suchen, so wären wir auf dem falschen Weg, denn über Verborgenes sprechen wir hier nicht. Manöver aber, die genannte Verwandlung zu vollbringen, sind in Fülle zu beobachten. Die leitende Inspiration ist immer die gleiche. Ihr Zaubergedanke heißt Notwendigkeit. Ein Monströses, von dem man sagen und dartun könnte, es sei notwendig, wäre etwas Anderes geworden, die Sprache, die es dartut, nicht mehr Sprache des Monströsen allein.
Das Bukolische, wir wissen es nunmehr, kann ohne Zulieferungen vom Monströsen her nicht bestehen. So also, für das Bestehen des Bukolischen, ist es längst als Notwendiges verstanden. Das aber reicht nicht. Der Gegenblick, auf den wir stoßen, wenn wir unters Wasser drücken, weiß damit nichts anzufangen. Für unser Bukolisches, so bekundet er, womöglich mit fragend weit offenen Augen, denn für ihn könnten unsere Beteuerungen nur Rätsel sein, mag all das Ertränktwerden notwendig sein, was aber gehe das die Ertränkten an? Für die wäre anderes nötig gewesen. Auch sie, so könnte er dann, ins Sinnen geratend, freilich hinzufügen, hätten und haben für ihr Arkadien wohl bitter gewütet und Gleiches beteuert. Die Lösung also sei und habe er nicht, wir aber seien sie auch nicht.
Mit unserem Bestreben, über das Monströse hinauszukommen, wollen wir zur Lösung werden, genauer noch, uns selber ins Verständnis darüber bringen und anderen dartun, dass wir diese, anders als andere, längst sind und haben. Mit dem bitteren Wüten, das wir so freilich nicht nennen würden, können wir, der genannten Zulieferungen wegen, nicht aufhören. Das Bittere aber, das wir zumuten, soll sich als bitter in einem ausgezeichneten Sinne erweisen. So eine Auszeichnung kann ihm nur von dem her zukommen, um dessen Willen es zugemutet wird, von unserem Bukolischen her also. Um diese Auszeichnung verleihen zu können, muss dieses ein Ausgezeichnetes sein. Es muss, anders als das Bukolische anderer, das schlechthin Bukolische sein, welches jeder, der überhaupt ein Bukolisches erstrebt, wollen muss, oder aber, umgekehrt, nicht nicht wollen kann. All dies werden wir so dartun müssen, dass sich unser Bukolisches als das schlechthin Angehende zeigt, die Frage also, was es denn angehe, wo immer und wann immer sie sich dennoch stellt, bereits beantwortet ist.

4

Umgedreht, wie wir nach Rilke eben sind, beschränken wir uns aufs Fertigmachen. Je dringlicher der Wandel der Dinge uns nahe legt, das Zukunftsbild, von dem wir uns leiten lassen, umzuformen, desto höher hinauf treiben wir die beschriebene Abstraktion. Auch dabei findet, wie beim Arkadisieren, ein Verdampfen statt. Verdampft wird, was mit der gewandelten Lage zusammenstößt. Auf diesem Wege begibt man sich in die jeweils nächste Abstraktionsebene. Von dieser her wird sodann nach rückwärts, zur gewandelten Lage hin, eine Ausgestaltung versucht, in der die Lücken wieder gefüllt sind, aber anders. Elemente der gewandelten Lage, die mit dieser Reformfassung dessen, was fertig gemacht werden soll, weiterhin zusammenstoßen, bleiben draußen. Da sammelt sich, im Laufe der Zeit, einiges an. Durchaus friedlich zunächst, behilft man sich damit, es als irrelevant, redundant, vernachlässigbar zu behandeln. So entsteht eine Welt, in der zunehmend mehr nicht zählt. Zunehmend weniger gilt als etwas, dem die Möglichkeit zugeschrieben wird, Möglichkeiten zu eröffnen. Wendet man das ontologisch, so könnte man sagen, zunehmend mehr gerate in die Kategorie des Mülls.
Von einem bestimmten Grad der Anhäufung an ist der im Weg. So kommt es zu wohlgesinnten Anstrengungen, ihn zu beseitigen. Dabei macht man die Erfahrung, dass es sowohl zu einer Überdehnung der Kräfte als auch einer Verschwendung verfügbarer Ressourcen käme, wollte man die Entsorgung auf Dauer gesondert von der regulären Sorge um das Fertigmachen durchführen. So gibt man diese Unterscheidung auf. Für die Sorge um das Fertigmachen ist dies der Durchbruch. Was im Wege ist, wird nicht mehr weggeräumt, sondern verarbeitet. Es wird so umgeformt, dass es doch Möglichkeiten eröffnet, Möglichkeiten nämlich der Beschleunigung und Intensivierung des Fertigmachens, nach dem wir streben. Die Frage, ob etwas nütze oder hinderlich sei, stellt sich so nicht mehr. Prinzipiell gibt es nichts mehr, das irrelevant wäre oder im Wege stünde. Was irrelevant zu sein scheint, ist in seiner Relevanz für unsere Bestreben noch nicht erkannt. Was im Wege zu stehen scheint, ist noch nicht zureichend umgeformt. Beides meint letztendlich das Gleiche. Wir entdecken die Relevanz und den Nutzen eines scheinbar Gleichgültigen und Widerständigen, indem wir eine Technik der Umformung entwickeln und anwenden, die ihm diese Gleichgültigkeit und Widerständigkeit austreibt. Ein weiteres Mal kann man von einem Verdampfen reden. Verdampft werden die Zukunftsbilder, die aus den sich wandelnden Dingen aufsteigen, genauer noch, verdampft wird dieses Aufsteigen selber, indem wir die Dinge so umformen, dass sie dem einen Zukunftsbild, an dessen Verwirklichung wir, als Umgedrehte, arbeiten, dienlich werden.
Ein Zukunftsbild, so hatten wir gesagt, werde zu einem Hoffnungsbild, indem es unseren Blick auf Möglichkeiten richtet, die sich nicht aus ihm ergeben. Mit dem beschriebenen Manöver des Verdampfens brechen wir dieses Verschwinden ab. Das Zukunftsbild, aus dem unser Hoffnungsbild hervorgegangen ist, setzen wir damit gegen jedes andere durch, damit auch gegen jede Möglichkeit, die sich nicht aus ihm ergibt. Nicht mehr das Zukunftsbild verschwindet, sondern das Hoffnungsbild, zu dem es sich, verschwindend, steigerte. Dieses verschwindet, indem es, jenes verfestigend, in das Zukunftsbild zurückfällt, aus dem es hervorging. Eine Rückkehr ist dies nicht. Das Zukunftsbild, so wie es hier auftaucht, hat das Verschwinden hinter sich.
Neben dem Zukunftsbild auf dem Wege zum Verschwinden und dem zum Hoffnungsbild gesteigerten Zukunftsbild ist es ein Drittes. Es ist versteinert, stillgelegt für immer durch die eingebrochene Steigerung zum Hoffnungsbild, die nun sein Innerstes und seine besondere Strahlkraft ausmacht. Diese Versteinerung oder Erstarrung von Zukunftsbildern, ein Prozess, der voller Dramatik und Ausdruck sein kann, stellt neben der Arkadisierung und dem sich daraus ergebenden Umkippen der Sprache ins Monströse, eine eigenständige Linie des Einbrechens dar. Mersmann malt diese, so könnte man es jedenfalls sehen, von links her. Die Uferlandschaft, die sich, der Insel entsprechend, dort bilden will, erstarrt zur Mitte hin zum Gerümpel einer Landschaftsmaschinerie.

5

Mit dem Gegenblick wird auch das Umformen zu rechnen haben. Je mehr dieses gelingt, desto rätselhafter muss sich dieser aber werden. Die Zukunftsbilder, von denen er herkommt und für die er eine letzte Lanze zu brechen sucht, steigen zögerlicher auf. Andere werden häufiger, einschwingend in eines von anderswo her, dessen Zugriff er doch im Namen derer, die sich nun rar machen, beklagte. So wird er zum Gegenblick von niemandem mehr her, altes Eisen. Endlich beugt er sich, wie man ihm drängend freundlich rät, dem Reformstau, und wird zum Aufblick. Fortan gibt er an die Dinge das Zukunftsbild weiter, das man ihm reicht, und bringt damit, da nur er ihr Innerstes ganz zu erreichen vermag, das Manöver der Umformung ins letzte Ziel. Unters Wasser gedrückt wird weiterhin. Der aber, der unters Wasser gedrückt wird, hat einzusehen gelernt, dass dieses einem Zukunftsbild zugehört, das aus ihm selber aufsteigt. So lässt er es gern geschehen und ist heroisch behilflich. Mit den augenlosen Dingen, bei denen wir nicht wissen, was sie von all dem halten, verhält es sich wohl ebenso.
Die Linie des Einbrechens von links her trifft auf die erste, das ins Monströse eingebrochene Arkadien. Sie liefert den Schub, der über dieses hinausführt. Der Knochentempel speit, so hatten wir das formuliert, Kugelgebilde aus, die wir zuerst als Knochen-, dann als Weltkugeln charakterisiert haben. Landschafts- oder wenigstens geographische Motive finden sich auf allen. Das bohnenförmige Gebilde auf der Kugel in der linken oberen Bildecke könnte ein Gewässer sein, der Flecken auf der Kugel links unten ebenfalls. Die drei Kugeln, an denen die vogelköpfige Kindergestalt in ihrem Boot offenbar vorbei will, wiederholen Elemente der Inselszene, ergänzt durch Markierungen, die unterschiedliche Tageszeiten andeuten. Monströs ist das nicht mehr.
Das Monströse und seine Sprache, so hatten wir gesagt, sei nicht aus dem Bauch der Sprache geboren. Wo es geboren wurde und wird, lassen wir offen. Es muss da aber etwas in uns und unserer Sprache sein, das in Aktion tritt, wenn wir uns ans Arkadisieren machen und ins Sprach- und Bilderlose schieben wollen, was wir nicht zu ertragen vermögen. Da dieses, das Unerträgliche, etwas an uns selber ist, müssten wir uns hierzu selbst ins Sprach- und Bilderlose begeben. Das vermögen wir ebenfalls nicht. Sprache und Form der zweiten Linie des Einbrechens sind eine Geburt des Kopfes, der die Hilflosigkeit des Widerspruchs, in den sich das Arkadisieren treibt, voraussieht und sich deshalb davon fernhält. Der Weg des Verdampfens ist ganz ohne Zweifel gründlicher. Verglichen mit ihm hat das arkadisierende Einbrechen ins Monströse, trotz aller Schrecken, etwas nahezu Beschauliches. Selbst das Monströse aber, erinnert es doch an das Verdampfte, darf von ihm her nicht länger sein. Die zitierte Stelle aus Rilkes Duineser Elegien fährt so fort:
Wie er auf
dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal
noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,
so leben wir und nehmen immer Abschied.
Der Vergleich entwickelt und erläutert die Haltung des Umgedrehtseins. Immer stehen wir auf dem letzten Hügel. Das Tal, das er uns ganz zeigt, wäre das zum Ende gebrachte Fertigmachen. Mit diesem beschäftigt, starren wir es an, so wie Shiva, er vor allem, das Kugelgebilde links unten. Kugel und Kreis gelten seit alters her als Formen der Ganzheit und Vollkommenheit. Die Inselszene, wenn auch pars pro toto, ist ein drittes Mal gemalt und dabei wiederum anders markiert. Sie ist, erstens, als Zukunftsbild gemalt, das sich zum Hoffnungsbild steigert, umkippend schon ins Monströse. Sie ist, zweitens, als Einbrechendes gemalt, dies wiederum in zwei Linien. Elemente des Zukunftsbildes, das sie ist, finden sich nun, drittens, aufmontiert auf die Gestalt der Ganzheit und Vollkommenheit. Eingebrochen zwar in ihrer Steigerung zum Hoffnungsbild, ist sie in dieser dritten Darstellung zu einem Zwingenden und Unantastbaren geworden.

6

Der Schub der zweiten Linie des Einbrechens hat über das Monströse hinaus gebracht, aber ins Schlachthausartige. Auf der Rückseite der Kugel, die Shiva anstarrt, wird wohl die Inselszene zu sehen sein, etwa so wie auf den drei Kugeln rechts, die uns mithin deren andere Seite zeigen. Er bringt es nur noch, oder aber: immerhin schon wieder, zu einem Schattenbild, das sich zwar, oder aber: immerhin schon, zu einem Farbprofil draußen zu erheben vermag, dann aber, zum doppelten Reptilienblick geworden, der auf die Rückseite der Kugel starren muss, wieder ins Schattenprofil zurücksinkt. Der körperlose Kopf links ist ein Nullpunkt, Endpunkt eines Verlöschens oder Anfang eines neuen Erwachens. Man kann und muss, was im Schlachthausartigen geschieht, in beiden Richtungen lesen. Mersmann malt da unterschiedliche Phasen des Gegenblicks in seiner Wandlung zum Aufblick, oder aber, seines rückkehrenden Erwachens aus diesem. Shiva ist die zentrale Figur. Er erinnert sich noch, oder schon wieder, an das Aufsteigen von Zukunftsbildern, das gerade aufgehört oder gerade wieder begonnen hat, ist kraftlose, innen körperlose, ins Lächerliche umkippende Zirkusfigur, oder aber Rückkehr eines Sich-Erhebens, das des Schauspielers etwa, der im nächsten Augenblick, vielleicht, immerhin, aus dem Chor des Aufblickens hinaustreten wird.
Die Kopfgeburt der zweiten Linie des Einbrechens bringt es nur bis zu diesem Oszillieren eines Nullpunkts. Dies mag daran liegen, dass auch der Kopf, der sie gebiert, einen Körper braucht, der sich spätestens dann, wenn das kopfhafte Werk sich vollenden will, bemerkbar macht. Um sich zu vollenden, muss es die erste Linie des Einbrechens ausstreichen. Kämpfe gegen das Monströse begrüßen wir mit Akklamation. Da wir uns, solange es da ist, vor allem an ihm stören, merken wir nicht, dass zusammen mit ihm noch etwas Anderes geschlachtet wird. In dem Maße aber, in dem wir uns, lokal wenigstens, einer Befriedung des Monströsen nähern, fehlt etwas, und sicherlich nicht das Monströse. Wem aber fehlt es? Es kann nur die Regung sein, die das Monströse hervorbrachte, eine Regung nicht in dem Kopf, der das Schlachthaus gebar, und auch nicht im Bauch der Sprache, die sich arkadisierend zurückzog. Wo aber könnte sich sonst noch etwas regen? Sagen wir es so: Es gibt sie, diese Regung, und es gibt auch viele Namen für die Instanz, die sich da regt. Um Namen müssen wir uns hier aber nicht bekümmern. Indem die zweite Linie des Einbrechens das Monströse wegräumt, setzt sie den Unterschied zwischen diesem, dem Monströsen, und jener, der genannten Regung eben, frei. So freigesetzt, bremst diese die Kopfgeburt noch vor dem Punkt ihrer Vollendung ab. Freilich gelingt es nicht immer, vielleicht zunehmend weniger, wobei zu hoffen ist, dass der Eindruck trügt. Gelingt es nämlich nicht, so kommt es zum kopfhaft Monströsen, von dem Goya handelt, aber nicht nur er.
Zwei Figuren wenden sich aus dem Schlachthausartigen hinaus. Die Figur im Boot versucht es lateral, vorbei am unantastbaren Zukunftsbild, das aber wenigstens temporal, den Tageszeiten nach, in Bewegung geraten ist. Wirklich abgewandt hat sich nur der Radler. Er wird, falls er nicht im Sand stecken bleibt, auf dem er freilich fährt, die Blickbahn durchschneiden, mit der das farbig gewordene Profil im Leporello sich an die Rückseite des Unantastbaren bannt und damit in den Kreislauf, der unablässig mit Befreiung nur foppt. Vielleicht ist es das, dieses Durchtrennen, worauf überhaupt alles hinauswill. Alles soll ja, das Bild ziert eine Wand im Pariser Hoftheater in Wiesbaden, erst beginnen, wenn dann am Abend, meistens, der Vorhang sich hebt. [Abgedruckt in: Dietzsch/Solbach: Paul Mersmann - Diffusion der Moderne, Heidelberg 2008]


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